Hier eine kleine Auswahl aus meinen Geschichten:

Bitte versteht das es immer nur eine begrenzte Auswahl an Geschichten gibt

Mailo und der Mann im Mond

copyright Nic

Mailo wird von einem Stern auf den Mond geholt, entdeckt dort seinen Mut als Lichthund und kehrt voller Licht zu Andrea zurück.

Die Pfoten im Sternenlicht

copyright Nic

Liora findet ein magisches Kästchen, das sie in ein Traumreich führt, wo sie einem Lichtfuchs hilft, seinen verlorenen Traum zu vollenden.

Mia und der Zaubersee

copyright Nic

In einer magischen Vollmondnacht führt Mia dich zu einem geheimnisvollen See, der eure schönsten Erinnerungen lebendig werden lässt und eure tiefe Verbundenheit sichtbar macht.

Fee und der Hasenbau

copyright Nic

Fee entdeckt einen geheimnisvollen Bau, und gemeinsam mit dir und dem mutigen Mäusekönig Karlchen rettet ihr vier kleine Hasenbabys und taucht in eine magische Unterwelt voller Wunder ein.

Mailos Geschichte

Mailo und der Mann im Mond

🌙 Mailo beim Mann im Mond

Es war früh am Morgen, so früh, dass die Nacht noch fest an der Welt hing. Die Straßen lagen still, nur ein paar letzte Sterne funkelten schläfrig über den Dächern. Andrea zog die Jacke enger um sich, während Mailo neben ihr herlief — jung, neugierig, und oftmals  ängstlich, besonders in dieser tiefen Dunkelheit.

Doch heute fühlte sich die Dunkelheit anders an. Weicher. Magischer. Als würde sie etwas verbergen, das nur darauf wartete, entdeckt zu werden.

Mailos Pfoten tapsten leise über den Boden, sein Atem bildete kleine Wölkchen. Immer wieder blieb er stehen, lauschte, schnupperte, blickte hinauf zum Himmel. Andrea lächelte. Sie kannte dieses Verhalten: Mailo spürte Dinge, die anderen entgingen.

Und dann geschah es.

Ein einzelner Stern begann heller zu leuchten als alle anderen. Nicht grell — sondern warm, wie ein Herzschlag aus Licht. Er löste sich aus dem Himmel, schwebte langsam herab und landete direkt vor Mailos Pfoten.

Mailo zuckte erschrocken zurück, seine Ohren angelegt, sein Körper angespannt. Doch seine Neugier… war stärker.

Das winzige Sternenwesen blickte zu ihm auf.

*Mailo*, flüsterte es, *wir alle, die Sterne, die Mondschäfchen, wir brauchen Dich . Der Mann im Mond schickt mich, um dich zu holen.*

Mailo spürte, wie sein Herz schneller schlug — vor Angst, vor Staunen, vor etwas, das er nicht benennen konnte.

Und dann wurde er leicht. So leicht, dass seine Pfoten den Boden verließen. So leicht, dass die Dunkelheit unter ihm zurückwich. So leicht, dass der Himmel ihn aufnahm.

Andrea sah zu, wie ihr kleiner, mutiger Mailo — begleitet vom Sternenwesen — hinaufstieg, höher und höher, bis er im silbrigen Licht des Mondes verschwand.

Dort oben, beim Mann im Mond, wartete sein Abenteuer.

Der Flug mit dem kleinen Stern schien kein Ende zu nehmen. Mailo wusste nicht, ob Minuten oder Stunden vergingen — alles fühlte sich schwerelos an, als hätte die Zeit selbst beschlossen, eine Pause einzulegen.

Unter ihnen glitten die dunklen Felder vorbei, winzige Lichter blinkten in der Ferne. Und dann, plötzlich, kam ein Flugzeug so nah, dass Mailo die Fensterreihen erkennen konnte. Er erschrak, duckte sich instinktiv, doch das Sternenwesen kicherte leise.

*Keine Sorge, Mailo. Die Menschen dort sehen uns nicht. Für sie sind wir nur ein Funken im Himmel.*

Mailo blinzelte. Ein Funken? Er fühlte sich eher wie ein Blatt im Wind.

Doch dann geschah etwas Wunderschönes.

Aus der Ferne näherten sich weitere Sterne — kleine, leuchtende Wesen, jedes mit einem eigenen Schimmer. Sie tanzten um Mailo herum, begrüßten ihn mit warmen Funken und sanften Lichtküssen. Manche stupsten ihn spielerisch an, andere flogen ehrfürchtig neben ihm her, als hätten sie schon lange auf ihn gewartet.

Einer nach dem anderen schloss sich dem kleinen Stern an, der Mailo führte. Bald waren es so viele, dass ihr gemeinsames Licht einen langen, glitzernden Schweif hinter ihnen zog.

Andrea schaute immer noch reichlich verdutzt: einen strahlenden, lebendigen Kometen, der durch die Nacht zog — mit Mailo mittendrinnen.

Mailo spürte, wie seine Angst kleiner wurde. Wie die Sterne ihn trugen. Wie er Teil von etwas Großem wurde.

Die Sternentraube, die Mailo trug, wurde langsamer, ihr Licht weicher, als würde sie ihn in eine Decke aus warmem Schimmer hüllen. Der Mond kam näher — erst wie eine helle Scheibe, dann wie eine ganze Welt aus Silber.

Als Mailos Pfoten schließlich den Boden berührten, war alles still. Nicht die Art von Stille, die leer wirkt — sondern eine, die atmet. Eine Stille, die sich wie ein sanftes Lied anfühlt.

Der Mondboden war weich, fast wie feiner, kühler Sand, der bei jedem Schritt leise glitzerte. Kleine Lichtkristalle lagen verstreut wie Tautropfen, die vergessen hatten, zu fallen. Jeder Funke, den Mailo berührte, leuchtete kurz auf, als würde er ihn begrüßen.

Über ihm spannte sich ein Himmel, der nicht schwarz war, sondern tiefblau und samtig — durchzogen von langsam wandernden Sternen, die wie kleine Freunde wirkten, die ihn begleitet hatten und nun über ihn wachten.

In der Ferne erhoben sich sanfte Hügel, rund und weich wie Wolken, nur aus Mondstaub geformt. Zwischen ihnen schwebten winzige Lichtfäden, die sich bewegten wie Atemzüge der Landschaft. Nichts war gefährlich, nichts bedrohlich. Alles war weich, rund, beruhigend.

Ein leiser Wind — wenn man es überhaupt Wind nennen konnte — strich über Mailos Fell. Er roch nach nichts und doch nach allem: nach Ruhe, nach Geborgenheit, nach einem Ort, der ihn schon lange erwartet hatte.

Und dann sah er sie.

Zwischen zwei Hügeln tauchten die ersten Mondschäfchen auf. Ihre Wolle schimmerte wie flüssiges Silber, ihre Augen funkelten wie kleine Sterne. Sie bewegten sich langsam, friedlich, als würden sie über den Boden schweben.

Mailo stand still, überwältigt. Die Sterne um ihn herum setzten sich sanft auf den Boden, wie Blütenblätter, die zur Ruhe kommen.

Der Mond war kein kalter Ort. Er war ein Zuhause aus Licht.

Wie immer war Mailo recht ängstlich. Seine Pfoten zitterten leicht, sein Schwanz hing unsicher nach unten. Doch die Mondschäfchen hatten damit rein gar nichts zu tun — im Gegenteil.

Kaum hatten sie ihn entdeckt, rannten sie auf ihren kleinen, stämmigen Beinchen los, so schnell, dass ihre silbrige Puderzucker-Wolle hinter ihnen aufwirbelte wie feiner Glitzerstaub.

*Oh, wir haben so auf dich gewartet!* *Wie schön, dass du da bist!* *Du bist aber hübsch, Mailo!*

Alle redeten durcheinander, ihre Stimmen hell und weich wie kleine Glöckchen. Mailo wich einen Schritt zurück, doch das half nichts — die Schäfchen schoben sich fröhlich um ihn herum, ein wuseliges, warmes Knäuel aus Licht und Flausch.

Ihre Wolle fühlte sich an wie warmer Mondstaub, und jedes Mal, wenn eines ihn berührte, kribbelte es sanft in seinem Fell. Mailo wusste nicht, wohin er schauen sollte. Überall waren kleine Puderzucker-Wesen, die ihn bestaunten, anstupsten, umkreisten, als wäre er ein lang erwarteter Freund.

Er schluckte. Er zitterte. Und doch… fühlte er sich plötzlich immer stärker und mutiger.

Nach einer Weile beruhigten sich die Mondschäfchen wieder. Vielleicht lag es daran, dass die Sterne, die Mailo begleitet hatten, inzwischen leicht beleidigt über ihnen schwebten und mit funkelnden Blicken deutlich machten, dass sie es gar nicht lustig fanden, einfach so verdrängt zu werden.

Die Schäfchen kicherten, rückten ein Stück zur Seite und ließen den Sternen wieder Raum. Mailo atmete auf. Endlich konnte er wieder richtig stehen.

Und dann passierte etwas, das niemand erwartet hatte.

Eine unbändige, warme Lust durchströmte Mailo — der Drang zu rennen, zu springen, zu spielen. Die Mondluft fühlte sich leicht an, fast federnd, und Mailo konnte nicht anders: Er bellte leise, ein helles, fröhliches Wuff, dass über die Mondhügel hüpfte wie ein kleiner Gummiball .Das Bellen war die Aufforderung zum Mitspielen.

Die Schäfchen erstarrten für einen Moment , dann leuchteten ihre Augen auf.

*Super! Endlich jemand, der mit mir Ball spielt!*  rief ein besonders rundes Schäfchen und hüpfte aufgeregt auf der Stelle.

*Komm, Mailo!* rief ein anderes. *Wir spielen alle mit dem Ball!* *Jeder muss versuchen, ihn zu bekommen!*

Und schon rollte ein silbrig schimmernder Mondball heran — weich wie Watte, aber mit einem inneren Leuchten, das bei jeder Berührung heller wurde.

Die Schäfchen stoben auseinander, die Sterne funkelten gespannt, und Mailo… Mailo sprang los.

Seine Pfoten wirbelten Mondstaub auf, sein Schwanz wedelte wie ein kleiner Propeller, und sein Herz klopfte vor Freude. Die Schäfchen rannten mit ihren stämmigen Beinchen hinterher, stolperten, kugelten, kicherten — ein einziges, glitzerndes Durcheinander.

Und zum ersten Mal seit seiner Ankunft vergaß Mailo seine Angst. Er war einfach nur Mailo. Ein junger Hund, der spielte. Auf dem Mond. Mit Schäfchen aus Licht. 

Mailo spielte noch immer mit den Mondschäfchen, doch irgendwann, mitten im Lachen und Springen, überkam ihn ein leiser Stich im Herzen. So schön es hier war… so weich, so hell, so freundlich…

…fragte er sich doch, ob er jemals wieder nach Hause durfte.

Nach Hause zu Andrea, seinem Frauchen. Zu seiner Menschenmama Nic. Zu seinem Hundekörbchen, Mama sagt es sei eine Wolke.  Und natürlich zu Mia, Lilly und Fee, seinen tierischen Geschwistern, eben eine tolle PatchworkFamily.

Der Gedanke wurde schwer in ihm. Er setzte sich an einen runden Mondstein, der sich kühl und glatt anfühlte, und senkte den Kopf. Der Mondstaub glitzerte um ihn herum, doch Mailo sah ihn kaum. Er grübelte, sein kleines Herz klopfte unruhig.

Da ertönte plötzlich eine Stimme.

Nicht laut. Aber mächtig. Und gleichzeitig mild, wie ein warmer Windhauch.

*Was ist denn hier los?*

Mailo zuckte zusammen. Die Schäfchen hielten inne. Die Sterne schwebten ein Stück höher, als wollten sie sich in Pose werfen.

*Habt ihr denn nichts zu tun?* brummte die Stimme weiter. *Ihr Sterne putzt euch gut, damit ihr in der nächsten Nacht schön funkelt. Und ihr Schafstiere möchtet doch bitte noch ein wenig Mondwiese zu euch nehmen. Ich mache nun ein Schläfchen, also bitte…*

Die Stimme verstummte kurz. Dann, neugierig und weich:

*Ja… wer bist denn du?*

Mailo hob vorsichtig den Kopf.

Erst jetzt, als die mächtige Gestalt um den Mondstein herumtrat, sah er ihn: den Mann im Mond.

Er war groß, rundlich, mit einem Bart, der aussah wie weicher Nebel. Seine Augen funkelten wie zwei uralte Sterne, freundlich und wissend. Sein Mantel bestand aus schimmerndem Mondlicht, das sich bei jeder Bewegung sanft kräuselte.

Der Mann im Mond beugte sich hinunter, seine riesige, Hand auf dem Knie abgestützt.

Mailo saß noch immer am Mondstein, sein kleines Herz schwer vor Sehnsucht. Die Schäfchen hatten sich beruhigt, die Sterne schwebten wieder stolz über ihnen, und für einen Moment war alles still. *Ich habe dich rufen lassen, kleiner Mailo.*  Er legte eine riesige, warme Hand auf seinen Kopf. *  Ich brauche deine Hilfe, mein wunderschöner Lichthund .*

Die Mondschäfchen nickten heftig. Die Sterne funkelten zustimmend.

Mailo spürte, wie seine Angst und seine Sehnsucht sich kurz berührten — und dann wich beides einem leisen, warmen Mut.

Trotzdem dachte er bei sich: Ich helfen? Und wieso Lichthund?

*Kommt mit, wer mag, wir gehen in den Steinreigen*, sagte der Mann im Mond und stemmte sich langsam, ein wenig schwerfällig, auf seine Beine. Sein Mantel aus Mondlicht raschelte leise wie weiche Wolken.

Sofort hörten die Mondschäfchen auf zu kauen. Die Sterne stoppten ihr Polieren und ließen ihre kleinen Funkentücher sinken. Ein leises, erwartungsvolles Wuseln ging durch die ganze Gruppe.

Alle versammelten sich wieder um Mailo — so dicht, dass er kaum wusste, wohin mit seinen Pfoten. Doch er ließ sich einfach mitschieben. Irgendwie war es lustig, in diesem glitzernden Gewimmel mitzuschwimmen wie ein kleiner Fisch im Sternenmeer.

Trotzdem nagte eine Frage in ihm: Was meinte der Mann im Mond mit „Hilfe“? Was konnte er, ein junger, oft ängstlicher Hund, hier oben schon tun?

Der Weg führte sie über weiche Mondhügel, vorbei an glitzernden Lichtfäden, die wie schwebende Pusteblumen wirkten. Schließlich erreichten sie einen großen Steinbogen. Er war rund wie ein Regenbogen, aber aus hellem, schimmerndem Mondgestein, das in sich selbst zu leuchten schien.

Hinter dem Bogen lag eine Wiese. Eine richtige Wiese — aber aus Mondlicht. Die Halme wirkten wie feine Silberfäden, die sich im unsichtbaren Wind wiegten.

Der Mann im Mond ging voraus und setzte sich auf einen breiten, gemütlichen Sessel, der aussah, als wäre er aus gepresstem Sternenstaub gemacht. Vor ihm lag eine Decke, weich wie Wolkenflaum, und daneben stand ein Napf.

Mailo erkannte sofort, dass das für ihn gedacht war. Sein Herz machte einen kleinen Hüpfer — jemand hatte an ihn gedacht. Hier oben. Auf dem Mond.

Doch etwas anderes zog seine Aufmerksamkeit an.

Hinter dem Steinbogen war es heller. Viel heller als auf der restlichen Mondoberfläche. Ein sanftes, warmes Leuchten, das nicht von den Sternen kam.

Mailo kniff die Augen zusammen. Er konnte die Lichtquelle noch nicht erkennen… aber er spürte, dass sie wichtig war. Wichtig für den Mann im Mond. Und vielleicht auch für ihn.

Endlich erreichte Mailo das Tor. Vor ihm erhoben sich viele Säulen aus hellem Mondstein, jede einzelne glatt, rund und von einer sanften Aura umgeben. Über jeder Säule schwebte ein Stück Meteorgestein — nicht kalt, nicht hart, sondern warm leuchtend, als würde es von innen heraus atmen. Das Licht fiel wie goldener Staub nach unten und tauchte die Säulen in ein weiches, warmes Strahlen.

Mailo blickte sich um. Auf einer der Säulen erkannte er die Gestalt eines Menschen, auf einer anderen einen Vogel mit weit ausgebreiteten Schwingen. Und dann… dann sah er ihn: einen Hund. Ruhig, würdevoll, mit einem Blick, der tief und freundlich zugleich war.

Da ertönte die Stimme des Mannes im Mond:

*Komm her, mein Hüter des Lichts. Ich erzähle dir, worum ich dich bitten möchte. Und ich beginne mit dem Thema Hund — mit dir, Mailo. Warum ein Hüter des Lichtes?*

Mailo schluckte, aber er fühlte sich sicher. Er trat auf die weiche Decke, die für ihn bereitlag, und nachdem er seinen Durst aus dem Napf gestillt hatte, legte er sich hin. Sein Herz klopfte, aber nicht vor Angst — eher vor Erwartung.

Der Mann im Mond setzte sich in seinen Sessel, faltete die Hände und begann:

*Also… beginnen wir.*

Seine Stimme war alt wie die Zeit und doch warm wie ein Sommerabend.

*Mich gibt es schon ewig. Seit es Menschen gibt, schickt der Mond sein Licht bei Nacht zu ihnen hinunter. Und ja — ich reise mit der Sonne. Auch sie unterstützt mich, und wir brauchen einander. Doch die Sonne schafft es nicht allein. Sie braucht Lichtwesen, die ihr Licht tragen, weitergeben, beschützen.*

Er deutete auf Mailo.

*Und solch ein Lichtwesen bist du, Mailo.*

Mailos Ohren zuckten. Er verstand nicht alles — aber er spürte, dass es wichtig war.

*Dort drüben steht dein Stein,* sagte der Mann im Mond und zeigte auf die Säule mit dem Hund. *Der Stein aller Lichthunde.*

Mailo hob den Kopf. Der Hund auf dem Stein sah ihn an, als würde er ihn kennen.

*Du bist ein Hund hell wie Sternenstaub,* fuhr der Mann im Mond fort. *Deine braunen Augen sind so tief wie das Meer, und dein Herz ist rein. Du bist voller Liebe. Und deswegen bist du hier. Weil du Licht in dir trägst. Weil du deinen Menschen auf der Erde so viel Freude schenkst. Weil du treu bist. Weil du fühlst. Weil du liebst.*

Er beugte sich zu Mailo hinunter und strich ihm sanft über den Kopf. Seine Hand war warm wie Sonnenlicht und weich wie Mondschein.

*Du bist zweifelsohne ein Lichthund, Mailo. Und was für ein wunderschöner.*

Mailo schloss die Augen. Zum ersten Mal verstand er ein kleines bisschen, warum er hier war.

Mailo spürte eine Woge von Mut und Kraft durch sich hindurchfließen. Er hob den Kopf, seine braunen Augen glänzten im warmen Licht der Meteorgesteine.

*Gut… ich möchte dir vorweg nur eine Frage stellen,* sagte er leise, aber bestimmt. *Wann darf ich wieder nach Hause?*

Der Mann im Mond lächelte gütig. Ein Lächeln, das so alt war wie die Zeit und doch so weich wie ein Kissen aus Wolken.

*Natürlich* sagte er, * diese Frage stellt ihr immer als erstes.*

Er schmunzelte, hob beide Hände und rollte gespielt mit den Augen.

*Sicher darfst du wieder nach Hause. Was denkst du denn, was sonst deine Menschenmams Nic & Andrea mit mir machen?*

Er machte eine kleine Grimasse, als würde er sich vorstellen, wie du — Nicole — mit verschränkten Armen vor ihm stehst und fragst, wo Mailo bleibt. Die Mondschäfchen kicherten. Die Sterne glitzerten zustimmend.

Dann wurde der Mann im Mond wieder ernst, aber auf eine sanfte Art.

*Und schau mal genau dorthin.*

Er zeigte mit seinem großen, runden Finger auf einen Punkt zwischen zwei Säulen. Das Licht dort begann sich zu sammeln, zu drehen, zu flimmern — und plötzlich war es, als würde ein Fenster aufgehen.

Ein Fenster ohne Rahmen. Ein Bild ohne Gerät. Wie Fernsehen ohne TV.

Mailo blinzelte. Und dann sah er es.

Andrea, sein Frauli.

Sie saß auf einem Baumstumpf, die Hände im Schoß, den Blick auf den Weg gerichtet. Ihr Gesicht war ruhig, aber ihre Augen suchten. Sie wartete. Auf ihn.

Mailos Herz machte einen schmerzhaften, liebevollen Sprung. Sein Schwanz zuckte, als würde er am liebsten sofort loslaufen.

Der Mann im Mond legte ihm eine große, warme Hand auf den Rücken.

*Siehst du?* sagte er leise. *Du bist nicht verloren. Du bist nicht weg. Du wirst nur… kurz woanders gebraucht.*

Mailo atmete tief ein. Die Sehnsucht blieb — aber sie tat nicht mehr weh. Sie wurde zu etwas Warmem, das ihn stärkte.

Der Mann im Mond sah Mailo lange an, liebevoll, ernst und voller Vertrauen. Dann sagte er:

*Mailo, mein Freund… ich möchte dir nun sagen, wie du mir und uns allen hier helfen kannst.*

Er deutete mit einer großen, runden Hand auf die Sterne, die über ihnen schwebten, und auf die Mondschäfchen, die dicht zusammengerückt lauschten.

*Wir brauchen Licht. Mehr Licht. Der Mond wird sonst immer dunkler. Die Sterne würden schwächer werden. Und wenn ich ganz verschwände… dann wäre das sehr schlimm für die Menschen auf der Erde.*

Mailo spitzte die Ohren.

*Darum bitte ich dich,* fuhr der Mann im Mond fort, *jeden Tag ein wenig Licht zu sammeln. Licht entsteht, wenn du Freude fühlst. Wenn du geliebt wirst. Wenn du glücklich bist.*

Er lächelte.

*Immer wenn du an einem gut riechenden Baum schnupperst… wenn du gelobt wirst… wenn dich jemand streichelt… wenn du in deinem Hundekissen liegst und etwas Schönes träumst… oder wenn du etwas Leckeres frisst — all das wird in dir zu Licht.*

Mailo blinzelte überrascht. Er wusste gar nicht, dass er so etwas konnte.

*Du musst es nicht verstehen* sagte der Mann im Mond sanft. *Es passiert von selbst. Du bist ein Lichthund. Dein Herz verwandelt schöne Momente in Licht.*

Dann zeigte er nach oben, auf den Himmel.

*Und wenn du Gassi gehst, Mailo, dann schickst du uns dieses Licht. Ganz einfach: Du suchst den Mond und denkst an uns. Dann kommt alles Licht zu uns herauf.*

Die Sterne nickten. Die Mondschäfchen kicherten wieder leise.

*Und wenn du den Mond einmal nicht siehst — dann warte. Er kommt wieder. Immer.*

Der Mann im Mond beugte sich zu Mailo hinunter.

*Möchtest du das für uns tun, mein Freund?*

Mailo hört sich ja sagen bevor er nachgedacht hatte * Ja, ja ich mag das für Euch sehr gerne machen!*

*Das habe ich gewusst, Du schöner Lichthund* schmunzelte der Mann im Mond.

*Dann schauen wir mal auf den Stein des Hundes, wenn du magst?*

Der Mann im Mond legte Mailo noch einmal die große, warme Hand auf den Rücken.

*Siehst du, Mailo… alles Hüter des Lichts.*

Mailo blickte auf den Stein, auf dem die Namen leuchteten. Er entzifferte sie langsam, einer nach dem anderen — und dann sah er ihn.

Mailo. Mailo Walter.

Sein Herz machte einen Sprung.

*Das bin ja ich!* dachte er, und seine Ohren stellten sich auf.

Der Mann im Mond nickte, seine Augen voller Güte.

*Ja, mein Hüter. Mit deinem Ja-Sagen wurde dein Name graviert. Du gehörst nun zu ihnen — zu uns. Aber jetzt wird es Zeit.*

Er beugte sich zu Mailo hinunter, seine Stimme weich wie Mondlicht.

*„Ich wünsche dir viele schöne Jahre mit deinen Menschen. Und hab Dank für deine Hilfe. Du wunderschöner Junge.*

Dann tippte er sanft auf den Stein. Das Licht darin wurde heller, klarer, fast durchsichtig.

*Geh hindurch, mein Freund.*

Mailo atmete tief ein. Er dachte an Andrea. An seine Wolke. An Mia, Lilly und Fee. An Zuhause.

Und dann setzte er eine Pfote in das Licht.

Es fühlte sich warm an. Wie Liebe. Wie Heimkommen.

*Mailooooooo! Mailo, jetzt komm, Frauli muss los! Wo bist du denn, mein Bub?*

Mailo hörte Andreas Stimme — warm, vertraut, voller Liebe. Er rannte los, so schnell ihn seine Pfoten trugen, das Herz noch voller Mondlicht.

*Da bist du ja, mein Stinker. Na dann komm, gehen wir heim.*

Und ich, Mailo, Hüter des Lichts, spürte, wie allein meine Freude so viel Licht für den Mann im Mond erzeugte. Jeder Sprung, jedes Wedeln, jeder Herzschlag funkelte wie ein kleiner Stern.

Noch einmal drehte Mailo sich um und blickte hinauf. Der Mond stand blass am Himmel, aber er schimmerte — ein kleines, dankbares Zwinkern, nur für ihn.

Dann lief er zu Andrea, und gemeinsam gingen die zwei einträchtig durch die aufgehende Morgendämmerung nach Hause. Ein Hund und sein Mensch. Ein Hüter des Lichts und sein Herz.

 

Die Pfote im Sternenlicht 

Eine freie Träumerei Geschichte copyright Nic

In einer Nacht, die stiller war als jede andere, öffnete sich über dem alten Wald ein Himmel, der nicht nur Sterne trug, sondern Erinnerungen. Jeder Stern funkelte wie ein Herzschlag, und wer lange genug hinaufblickte, konnte darin Geschichten erkennen, die längst vergessen waren.

Am Rand dieses Waldes lebte eine junge Frau namens Liora. Sie war eine Sammlerin von Träumen — nicht im wörtlichen Sinn, sondern in der Art, wie sie die Welt sah. Für andere war der Wald nur ein Wald, die Nacht nur dunkel, die Tiere nur Tiere. Für Liora jedoch war alles lebendig, voller Stimmen, voller Zeichen, voller leiser Magie.

Eines Abends, als der Mond wie eine silberne Schale über den Baumwipfeln hing, hörte sie ein Geräusch, das sie noch nie zuvor vernommen hatte. Es war kein Knacken, kein Rascheln, kein Ruf. Es war ein Summen — warm, vibrierend, wie ein Lied ohne Worte.

Liora folgte dem Klang tiefer in den Wald, bis sie an eine Lichtung kam, die sie noch nie gesehen hatte. Dort, im weichen Moos, lag ein kleines Kästchen aus Metall. Es schimmerte silbern, als hätte es das Licht der Sterne in sich gesammelt. Auf dem Deckel war eine Pfote abgebildet — aber keine gewöhnliche. Die Pfote bestand aus winzigen, farbigen Steinchen, die im Mondlicht glühten, als wären sie lebendig.

Als Liora sich bückte und das Kästchen berührte, wurde das Summen stärker. Warm. Einladend. Sie öffnete es.

Ein Lichtstrahl schoss heraus, aber nicht grell — eher wie ein Atemzug aus purem Sternenstaub. Er wirbelte um sie herum, tanzte in ihrem Haar, legte sich auf ihre Haut wie ein sanfter Schleier. Und dann formte sich aus dem Licht eine Gestalt.

Ein Tier. Ein Wesen. Etwas zwischen Wolf und Traum.

Sein Fell war wie Nebel, durchzogen von winzigen Sternen. Seine Augen leuchteten in Farben, die es auf der Erde nicht gab. Und als es Liora ansah, wusste sie, dass es sie schon lange kannte.

„Du hast mich gerufen“, sagte das Wesen — nicht mit Worten, sondern direkt in ihrem Herzen.

Liora spürte keine Angst. Nur ein tiefes, warmes Erkennen. „Wer bist du?“

Das Wesen trat näher, und die Lichtung begann zu glühen. „Ich bin der Hüter der verlorenen Wege. Und du, Liora, bist diejenige, die sie wiederfinden kann.“

Ein Wind erhob sich, obwohl kein Blatt sich bewegte. Die Sterne über ihnen begannen heller zu brennen. Und die Pfote auf dem Kästchen pulsierte wie ein Herz.

„Die Welt hat etwas verloren“, sagte der Hüter. „Etwas, das nur du zurückbringen kannst.“

Liora schluckte. „Was habe ich zu tun?“

Das Wesen hob seine schimmernde Pfote und berührte ihre Stirn. In diesem Moment brach die Nacht auf wie eine Muschel — und dahinter lag ein Reich, das nicht aus Erde bestand, sondern aus Träumen.

Ein Reich, das nur darauf gewartet hatte, dass Liora es betrat.

Als Liora die Schwelle zwischen der Welt der Bäume und dem Reich der Träume überschritt, fühlte sie, wie sich der Boden unter ihren Füßen veränderte. Er war nicht mehr Erde, nicht Moos, nicht Stein. Er war weich wie Wolken und warm wie Atem. Jeder Schritt hinterließ ein leuchtendes Abbild ihrer Fußsohlen, das langsam verblasste, als würde der Boden ihre Anwesenheit in sich aufnehmen.

Der Hüter der verlorenen Wege schritt neben ihr her, lautlos, als bestünde er selbst aus Licht. Sein Fell glitzerte wie ein Sternenmeer, und manchmal glaubte Liora, darin winzige Welten zu erkennen — Berge, die sich bewegten, Flüsse aus Licht, Schatten, die lebten.

„Wo sind wir?“, fragte sie, doch die Worte verließen ihren Mund nicht. Sie dachte die Frage, und der Hüter antwortete, als hätte er sie schon lange gehört.

„Dies ist das Zwischenreich. Der Ort, an dem Träume geboren werden, bevor sie die Menschen erreichen. Hier sammeln sich die Wege, die verloren gingen, die Wünsche, die vergessen wurden, und die Erinnerungen, die niemand mehr zu halten wagt.“

Liora sah sich um. Über ihnen spannte sich kein Himmel, sondern ein endloser Raum aus schimmerndem Nebel. Sterne schwebten darin wie Samen, die darauf warteten, in ein Herz zu fallen. Manche glühten hell, andere flackerten, als kämpften sie darum, nicht zu erlöschen.

„Warum bin ich hier?“, dachte Liora.

Der Hüter blieb stehen. Vor ihnen öffnete sich ein weiter Platz, auf dem hunderte Pfotenabdrücke leuchteten — groß, klein, rund, scharf, verwischt. Jeder Abdruck pulsierte in einer anderen Farbe.

„Weil du sehen kannst, was andere nicht sehen“, antwortete der Hüter. „Du hörst die leisen Stimmen. Du spürst die Wege, die sich verstecken. Und du trägst etwas in dir, das dieses Reich braucht.“

Liora wollte fragen, was er meinte, doch da vibrierte das Kästchen in ihrer Hand. Die farbige Pfote auf dem Deckel begann zu glühen, stärker als zuvor.

„Es ist ein Schlüssel“, sagte der Hüter. „Aber nicht zu Türen. Zu Wesen.“

In diesem Moment löste sich einer der leuchtenden Pfotenabdrücke vom Boden. Er stieg in die Luft wie ein Funke und formte sich zu einem Tier — einem kleinen Fuchs aus reinem Licht. Sein Körper war durchsichtig, doch seine Augen waren tief und warm, als trügen sie Geschichten in sich, die älter waren als der Wald.

Der Fuchs sprang auf Liora zu, berührte ihre Hand mit seiner Schnauze — und sie sah Bilder. Ein Kind, das im Dunkeln weinte. Ein Hund, der wartete und nie abgeholt wurde. Ein Weg, der sich teilte und nie wieder zusammenfand.

Liora schnappte nach Luft. „Was… was ist das?“

„Ein verlorener Traum“, sagte der Hüter. „Ein Wesen, das nie zu Ende geträumt wurde. Und du kannst es zurückführen.“

Der Fuchs schmiegte sich an Lioras Beine, als hätte er sie schon immer gekannt. „Wie soll ich das tun?“, dachte sie.

Der Hüter hob seine schimmernde Pfote und berührte das Kästchen. Die Pfote darauf begann zu pulsieren — im gleichen Rhythmus wie der kleine Fuchs.

„Indem du ihm zuhörst“, sagte der Hüter. „Indem du ihm erlaubst, dir zu zeigen, wohin er gehört.“

Liora kniete sich hin, legte ihre Hand auf das Lichtwesen — und die Welt um sie herum begann sich zu drehen. Nicht schnell, nicht schwindelerregend. Eher wie ein Tanz. Wie ein Traum, der sich entfaltet.

Die Sterne über ihnen zogen Bahnen, der Nebel formte Spiralen, und die Pfotenabdrücke auf dem Boden begannen zu leuchten wie ein Wegweiser.

„Folge ihm“, sagte der Hüter. „Denn wo er dich hinführt, beginnt deine wahre Aufgabe.“

Und so stand Liora auf, das Kästchen fest in der Hand, den kleinen Lichtfuchs an ihrer Seite — und machte ihren ersten Schritt auf einen Weg, der nicht aus Erde bestand, sondern aus Erinnerung, Hoffnung und Sternenlicht.

Der Weg, den der kleine Lichtfuchs wählte, war keiner, den ein Mensch hätte erkennen können. Er führte nicht geradeaus, nicht im Kreis, nicht nach Norden oder Süden. Er führte durch Erinnerungen. Durch Gefühle. Durch Räume, die sich veränderten, sobald Liora sie ansah.

Zuerst wandelte sich der Nebel um sie herum zu einem Wald, doch nicht zu dem, den sie kannte. Die Bäume waren durchsichtig wie Glas, und in ihren Stämmen flossen Farben wie flüssige Träume. Manche Bäume sangen leise, andere flüsterten Worte, die Liora nicht verstand, aber tief in ihrem Herzen spürte.

Der Fuchs lief voraus, sein Körper ein sanftes Leuchten, das die Welt um ihn herum erhellte. Immer wieder blickte er zurück, als wolle er sicherstellen, dass Liora ihm folgte.

„Er zeigt dir seinen Ursprung“, sagte der Hüter, der lautlos neben ihr erschien, als wäre er nie fort gewesen. „Jedes verlorene Wesen hat einen Ort, an dem es geboren wurde. Nicht aus Fleisch, sondern aus Sehnsucht.“

Liora nickte, obwohl sie nicht sicher war, ob sie es verstand. Doch sie fühlte es. Und in diesem Reich war das Gefühl oft wahrer als jedes Wissen.

Der Wald öffnete sich zu einer weiten Ebene aus Licht. Der Boden war weich wie Sand, doch er glitzerte wie Sternenstaub. Über ihnen schwebten große, langsame Lichtkugeln, die wie Monde wirkten, aber warm strahlten wie Sonnen.

Der Fuchs blieb stehen. Vor ihnen erhob sich ein Tor — nicht aus Stein, nicht aus Holz, sondern aus reiner Erinnerung. Es bestand aus Bildern, die sich ständig veränderten: ein lachendes Kind, eine alte Frau, ein Hund, der im Schnee sprang, ein Mann, der in den Himmel sah.

„Was ist das?“, dachte Liora.

„Das Tor der Unvollendeten“, antwortete der Hüter. „Hier sammeln sich all jene Träume, die nie zu Ende gedacht wurden. Wesen wie der Fuchs entstehen aus ihnen. Sie suchen jemanden, der ihnen hilft, ihren Weg zu vollenden.“

Der Fuchs setzte sich vor das Tor und sah Liora an. Seine Augen waren voller Bitte, voller Vertrauen.

Liora kniete sich hin und legte ihre Hand auf seinen Kopf. In diesem Moment öffnete sich das Tor — nicht mit einem Geräusch, sondern mit einem Gefühl. Ein warmer Strom aus Licht floss heraus, umhüllte Liora und den Fuchs, und für einen Augenblick fühlte sie sich schwerelos.

Dann sah sie es. Ein Bild, das sich aus dem Licht formte.

Ein kleiner Junge, der allein auf einer Treppe saß. Seine Hände umklammerten einen Stofffuchs, dessen Farben verblasst waren. Tränen liefen über seine Wangen, doch niemand kam.

Liora spürte einen Stich in ihrem Herzen. „Das ist sein Traum“, sagte der Hüter leise. „Ein Traum, der nie erfüllt wurde. Der Fuchs sollte ihn trösten, ihm Mut geben, ihn begleiten. Doch der Traum wurde vergessen, bevor er zu Ende ging.“

Der Lichtfuchs schmiegte sich an Liora, als wolle er sagen: Hilf mir.

„Was soll ich tun?“, dachte sie.

„Du musst den Traum vollenden“, antwortete der Hüter. „Du musst ihm geben, was ihm fehlt.“

Liora atmete tief ein. Sie schloss die Augen. Und als sie sie wieder öffnete, stand sie nicht mehr im Reich der Träume.

Sie stand auf der Treppe. Neben dem Jungen. Unsichtbar für ihn — aber nicht für den Fuchs.

Der kleine Lichtfuchs trat vor, sein Körper begann zu glühen, stärker, heller, wärmer. Er sprang in die Arme des Jungen — und wurde real. Fell statt Licht. Wärme statt Nebel. Ein Traum, der endlich zu Ende geträumt wurde.

Der Junge lächelte. Ein kleines, zaghaftes, aber echtes Lächeln. Und die Welt um Liora begann zu verblassen.

„Du hast es geschafft“, hörte sie die Stimme des Hüters. „Doch dies ist erst der Anfang. Es gibt viele verlorene Wege. Viele unvollendete Träume. Und du, Liora, bist diejenige, die sie finden kann.“

Die Treppe löste sich auf. Der Junge verschwand. Der Fuchs blieb — als Licht, das sich wieder an Lioras Seite stellte.

Und dann stand sie wieder im Zwischenreich. Das Kästchen in ihrer Hand glühte. Bereit für den nächsten Traum.

Mia und der Zaubersee

copyright Nic

Der Zaubersee mit Mia

 

Es war eine jener Nächte, in denen die Dunkelheit nicht schwer auf der Welt lag, sondern wie ein weicher, atmender Schleier aus tiefem Blau über allem hing. Ein Hauch von Magie lag in der Luft, so fein, dass man ihn nur spüren konnte, wenn man wach genug war, um ihn zu bemerken. Ich wachte auf, ohne zu wissen warum, und lauschte in die Stille hinein. Das leise, vertraute „Motorradfahren“ meiner Frau, so nennt sie ihr schnarchen, vibrierte durch den Raum, doch etwas in mir zog mich hinaus, ein leiser Ruf, der nicht aus der Welt kam, sondern aus einem Zwischenraum zwischen Traum und Wirklichkeit.

Ich stand auf, schlich mich durch das Haus und zog mich warm an. Als ich die Terrassentür öffnete, stand Mia schon dort, als hätte sie längst gespürt, dass diese Nacht nicht zum Schlafen bestimmt war. Ihr Fell schimmerte im Licht des Vollmonds, der hoch am Himmel stand wie eine riesige, silberne Laterne, die die Welt in ein sanftes, magisches Leuchten tauchte.

Für einen Moment sah Mia aus wie ein Wesen, das halb Hund, halb Sternenfunke war. Ohne zu zögern, folgte sie mir hinaus in die Nacht.

Kaum hatten wir den Garten verlassen, begann es zu schneien. Die Flocken waren so fein, dass sie im Licht des Vollmonds glitzerten wie winzige Elfen, die langsam zu Boden tanzten. Der Himmel war klar, so klar, dass die Sterne wirkten, als wären sie nur eine Armlänge entfernt, und der Vollmond hing dort oben wie ein silberner Wächter, der über uns wachte.

Der Schnee dämpfte unsere Schritte, sodass es sich anfühlte, als würden wir schweben. Mein Atem stieg weiß in die Luft, kleine Wolken, die sofort wieder verschwanden, als hätten sie es eilig, sich mit der Nacht zu vermischen. 

Mia lief dicht neben mir, und manchmal streifte ihr Fell meine Hand, warm und vertraut, ein leiser Anker in dieser magischen Weite.

Der Wald nahm uns auf wie ein alter Freund. Die Bäume standen dicht, ihre Zweige schwer vom Schnee, und der Boden war bedeckt von Moos, Nadeln und Tannenzapfen, die unter unseren Füßen und Pfoten leise knisterten. Es war ein Klang, so zart, dass er fast wie Musik wirkte – eine Melodie, die nur in solchen Nächten erklingt. Zwischen den Stämmen huschten kleine Schatten, vielleicht Mäuse, vielleicht Waldgeister, vielleicht nur der Wind, der mit dem Schnee spielte. 

Doch in dieser Nacht schien alles möglich, und nichts schien gewöhnlich.

Ein Vogel zwitscherte, viel zu früh, als hätte er vergessen, dass noch Nacht war. Sein Laut war so zart, dass er die Stille nicht störte, sondern ihr eine neue Farbe gab.

Wir gingen tiefer hinein, und der Wald wurde dunkler, aber nie bedrohlich. Er war wie ein Geheimnis, das sich langsam öffnete, Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug.

Am Rand eines kleinen Teiches blieb Mia stehen. Eine Kröte saß dort, halb im Schnee, halb im Licht des Vollmondes, und sah uns an, als wäre sie die alte Hüterin dieser Pfade. Ihre Augen glänzten wie winzige Bernsteinlichter, und als sie langsam blinzelte, schien es, als würde sie uns erkennen. Dann hüpfte sie weiter, und dort, wo sie gewesen war, glitzerte der Schnee ein wenig heller, als hätte sie Spuren aus Licht hinterlassen.

Als wir weitergingen, öffnete sich das Feld, und dort – wie kleine, lebendige Schneehügel – saßen Hasen. Nicht nur einer, nicht zwei, sondern eine ganze kleine Gruppe, als hätten sie sich verabredet, um die Nacht mit uns zu teilen. Ihre Ohren ragten wie feine Antennen in die Luft, und ihre Nasen zuckten im Rhythmus des Winterwinds. Sie wirkten nicht scheu, sondern eher neugierig, als hätten sie beschlossen, uns ein Stück zu begleiten. Einer von ihnen hoppelte ein paar Schritte, blieb stehen, drehte sich zu uns um und sah uns an, als wolle er prüfen, ob wir würdig waren, diese Nacht zu sehen.

Wir blieben stehen und sahen ihnen zu, wie sie sich bewegten, mal hüpfend, mal still sitzend, mal einander anstupsend, als würden sie selbst eine kleine Geschichte erzählen. Der Schnee glitzerte auf ihren Rücken, und für einen Moment sah es aus, als hätten sie winzige Lichtfunken im Fell.

Ein Stück weiter fanden wir einen umgefallenen Baum, mit Schnee bedeckt, aber trocken genug, um mich zu tragen. Ich setzte mich, und die Welt öffnete sich vor mir wie ein Gemälde. Der Himmel war so weit, so tief, so voller Sterne, und der Vollmond stand darüber wie ein strahlendes Herz des Himmels, das alles mit seinem Licht verband.

Hinter mir hörte ich Mia stromern, ein Knacken hier, ein Rascheln dort, ihr vertrauter Schritt, der mich nie erschreckte, sondern beruhigte. Von der anderen Seite des Feldes drang ein dumpfes Grunzen zu uns – Wildschweine, weit entfernt, nur ein Teil der Nacht, nicht mehr und nicht weniger. 

Die Luft war klar, so klar, dass sie fast süß schmeckte.

Wir gingen weiter, und der Wald wurde wieder dichter, bis er sich plötzlich öffnete wie ein Vorhang, der zur Seite gleitet. Vor uns lag die Lichtung, und in ihrer Mitte der kleine See.

Über den kleinen See gab es viele Geschichten im Dorf, Fantastische kleine Magie und Zaubergedanken.

Der See lag da wie ein Stück Himmel, das auf die Erde gefallen war. Der Vollmond spiegelte sich darin, groß, rund, leuchtend, und das Wasser glitzerte wie flüssiges Sternenlicht. Es war, als würde der See selbst atmen, als wäre er lebendig, ein Wesen aus Licht und Tiefe.

Mia sah mich an, und in ihrem Blick lag etwas, das mich tief berührte – ein Wissen, eine Wärme, eine stille Einladung. Wir setzten uns in die schneebedeckte Wiese, ganz nah beieinander, und die Welt wurde still. Dann begann Mia zu erzählen. Nicht mit Worten, sondern mit dieser alten, stillen Sprache, die nur Herzen verstehen. 

Sie sprach von ihrem Leben, von ihrer Freude, von ihrem Alter, von meiner Angst, von meiner Traurigkeit. 

Ich legte meine Hand auf ihr Fell und sagte leise: „Brenne unsere Erinnerungen in deine Seele. Niemand kann uns nehmen, was wir hatten und was wir haben.“

Mia lächelte mit den Augen und führte mich zum See erhellt vom Licht des Vollmonds. Die Oberfläche war so glatt, dass sie wirkte wie ein Tor in eine andere Welt – und vielleicht war sie das auch. Als der Windhauch über das Wasser strich, begann die Spiegelung nicht einfach zu wackeln, sondern zu leben. Es war, als würde der See selbst entscheiden, uns etwas zu zeigen, etwas Kostbares, das nur in dieser Nacht sichtbar war.

Zuerst sah ich uns , alle  – Andrea, Nico, Cleo, Mia, Fee, Mailo und sogar die Katzenkinder  sehe ich: Sammy, Fusselchen und Lilly.– wie wir durch einen sommergrünen Wald liefen.

Die Farben waren intensiv, fast leuchtend, als hätte der See sie mit Mondlicht getränkt. Mias Fell glänzte wie frisch gebürstetes Gold, und sie sprang über Wurzeln, als wäre sie schwerelos. Ich hörte sogar das leise Rascheln der Blätter, obwohl der Wald um uns herum tief verschneit war. Die Erinnerung war so lebendig, dass sie sich anfühlte wie Gegenwart.

Das Bild glitt weiter, ohne zu zerbrechen, wie ein Traum, der sich selbst weiterträgt. Nun standen wir auf dem großen Hügel. Die Sonne schien warm, und der Wind spielte mit unseren Haaren. Ich konnte den Duft von Wiese, Wald, Erde und Blumen fast riechen – dieser unverwechselbare Sommerduft, der sich in die Seele brennt. Mia lag im Gras, die Augen halb geschlossen, zufrieden, sicher, geborgen. Andrea lachte, Fee und Mailo spielten im Hintergrund und ich sah mich selbst, wie ich alle ansah, als hätte ich ein kleines Stück Himmel gefunden.

Der See ließ uns kaum Zeit zum Atmen, bevor er die nächste Erinnerung hervorbrachte.

Der Feenwald. Das Licht fiel dort anders – weicher, goldener, als würde es durch tausend winzige Feenflügel gefiltert. Die Rasselbande war um uns herum, und Mia sprang ins Wasser, tauchte nach Schwimmguddis, schüttelte sich wie wild, sodass Tropfen wie kleine Sterne durch die Luft flogen. Ich sah, wie sie rannte, wie sie hüpfte, wie sie lebte – mit einer Freude, die so rein war, dass sie fast weh tat.

Dann wurde das Wasser ruhiger, und die Bilder wechselten zu den stilleren Momenten. Mia älter, aber nicht weniger schön. Ihr Fell war weicher geworden, ihre Bewegungen ruhiger, aber ihre Augen – diese Augen – hatten eine Tiefe, die nur Tiere besitzen, die viele Jahre geliebt haben und geliebt wurden. Ich sah sie auf der Couch liegen, eingerollt wie ein kleines Wunder. Ich sah sie im Garten, wie sie die Sonne genoss, als würde sie jeden Strahl in sich speichern. Ich sah sie am Teich sitzen, still, würdevoll, als würde sie mit dem Wasser sprechen.

Und dann – ein Bild, das ich nicht erwartet hatte. Mia und ich, einfach nebeneinander, ohne etwas Besonderes zu tun. Kein Abenteuer, kein Wald, kein Feenlicht. Nur wir. Ich sah, wie ich meine Hand auf ihr Fell legte, wie sie ihren Kopf leicht gegen mich drückte. Ein Moment, so alltäglich, dass man ihn leicht übersieht – und doch war er der kostbarste von allen. Der See zeigte ihn uns mit einer Zärtlichkeit, die mir den Atem nahm.

Die Bilder wurden langsamer, weicher, als würden sie sich in Licht auflösen. Doch bevor sie verschwanden, sah ich etwas, das nicht Erinnerung war – sondern Botschaft. Mia, wie sie mich ansah. Nicht jung, nicht alt. Einfach Mia. So, wie sie in meinem Herzen lebt. Ihr Blick war warm, klar, voller Liebe. Und ich hörte sie, nicht mit den Ohren, sondern mit der Seele: „Alles, was wir waren, sind wir noch. Alles, was wir sind, bleibt.“

Ich sank zu ihr herab, legte meine Arme um sie, und der Vollmond spiegelte sich in den Tränen, die über meine Wangen liefen. Der See glitzerte, als würde er mitfühlen. Mia blieb ganz still, ganz nah, und ich spürte, wie ihre Wärme sich mit meiner mischte, wie zwei Lichter, die sich berühren und nicht mehr trennen lassen.

Die Erinnerungen verblassten langsam, nicht wie etwas, das endet, sondern wie etwas, das sich in die Tiefe zurückzieht, um dort weiter zu leuchten. 

Die Bilder im See glitten langsam auseinander wie feine Lichtfäden, die sich in der Tiefe verlieren, und das Wasser wurde wieder still, als hätte es beschlossen, seine Geheimnisse für diese Nacht genug geteilt zu haben. Doch die Luft um uns herum vibrierte noch immer von dem, was wir gesehen hatten – als würde der Vollmond selbst die letzten Bilder festhalten, damit sie nicht zu schnell verblassen. 

Ich blieb mit Mia am Ufer sitzen, meine Hand in ihrem Fell, und die Welt schien für einen Moment vollkommen still zu stehen. Kein Wind, kein Laut, nur das leise Pochen meines Herzens und Mias ruhiger Atem, der sich mit meinem mischte.

Dann geschah etwas, das so sanft begann, dass ich es zuerst kaum bemerkte: Die Dunkelheit veränderte ihre Farbe. Nicht abrupt, nicht wie ein Schalter, sondern wie ein Schleier, der sich langsam hebt. Das Schwarz der Nacht wurde zu einem tiefen Blau, das Blau zu einem zarten Violett, und das Violett begann, sich mit einem Hauch von Rosé zu mischen, als würde jemand unsichtbar mit einem riesigen Pinsel über den Himmel streichen.

Der Vollmond stand noch immer über uns, doch sein Licht wurde weicher, milchiger, als würde er sich bereitmachen, seinen Platz für den Tag zu räumen. Und genau in diesem Übergang – in diesem Atemzug zwischen Nacht und Morgen – begann der Wald zu erwachen. Nicht laut, nicht hastig, sondern wie ein altes Wesen, das sich langsam streckt.

Ein erster Vogel wagte einen Ton, so vorsichtig, als wolle er prüfen, ob die Welt schon bereit war. Dann ein zweiter, ein dritter, und plötzlich war da ein leises, zartes Zwitschern, das sich wie ein feines Netz über die Lichtung legte. Der Schnee begann im ersten Hauch des neuen Lichts zu glitzern, nicht mehr silbern wie in der Nacht, sondern rosig, goldig, als hätte er die Farben des Himmels in sich aufgenommen.

Über dem See schwebte ein dünner Nebel, der sich im Licht der Dämmerung bewegte wie ein lebendiges Wesen. Für einen Moment sah es aus, als würden kleine Gestalten darin tanzen – feine, durchscheinende Figuren, kaum mehr als ein Flimmern, aber doch so deutlich, dass mein Herz einen Schlag aussetzte. Vielleicht waren es Elfen, vielleicht nur das Spiel des Lichts, vielleicht beides. In dieser Nacht war alles möglich.

Mia hob den Kopf und sah ihnen nach, als würde sie sie ebenfalls sehen. Ihr Fell schimmerte im Morgenlicht, und für einen Augenblick wirkte sie wieder wie ein Wesen aus einer anderen Welt – ein Hüter, ein Begleiter, ein Licht in Fellform.

Der Himmel wurde heller, und die Farben flossen ineinander wie Wasserfarben auf nassem Papier. Das Blau, das Violett, das Rosé – sie vermischten sich zu einem sanften Gold, das sich über die Bäume legte und den Schnee zum Leuchten brachte. 

Ich stand langsam auf, und Mia erhob sich neben mir, streckte sich, schüttelte den Schnee aus ihrem Fell, und es sah aus, als würden winzige Funken davonfliegen. Wir blieben noch einen Moment stehen, sahen zu, wie der Tag geboren wurde, wie die Nacht sich zurückzog, ohne Eile, ohne Widerstand, wie ein alter Freund, der weiß, dass er wiederkommen wird.

Dann gingen wir los, Schritt für Schritt, durch das hohe Gras, das nun im Morgenlicht wie ein Meer aus Gold wirkte. Der Waldboden war weich unter unseren Füßen, und die Tannenzapfen glitzerten, als wären sie mit Frostdiamanten bestäubt. Hinter uns lag der See, still und geheimnisvoll, als hätte er uns ein Stück seiner Seele mitgegeben.

Und so gingen wir nach Hause, nicht einfach zurück, sondern weiter – mit einem Herzen voller Bilder, die nicht verblassen, und einem Zauber, der uns noch lange begleiten würde.

 

 

 

Fee im Hasenbau

copyright Nic

Der Morgen war weich wie ein Seidentuch, das sich über die Welt gelegt hatte. Die Sonne schwebte noch tief zwischen den Baumwipfeln, ihr Licht golden und milde, als hätte sie selbst beschlossen, heute langsamer zu leuchten.

Fee, unsere Hündin, lief neben mir her — leichtfüßig, wach, mit diesem stillen Glanz in den Augen, den nur Tiere tragen, die den Wald kennen wie ein altes Lied. Wir streiften durch das Grün, das in allen Schattierungen schimmerte: junges Blattgrün, moosiges Tiefgrün, das satte Dunkel der Tannen.

Die Luft war erfüllt vom Summen der Bienen, die sich in den Blüten wiegten, von Schmetterlingen, die wie fliegende Gedanken zwischen den Lichtflecken tanzten. Ein Reh hatte sich in der Ferne gezeigt, kaum sichtbar, nur ein Schatten zwischen Farn und Licht. Und der Boden roch nach Leben — nach feuchter Erde, nach Wurzeln, nach Geschichten, die in den Wäldern wohnen.

Fee schnupperte hier und da, ihre Ohren aufgestellt, ihr Gang federnd. Ich sprach leise mit ihr, wie ich es immer tue, wenn wir gemeinsam unterwegs sind. Doch plötzlich veränderte sich etwas.

Fee wurde unruhig. Ihr Körper spannte sich, die Nase tief am Boden, der Blick fokussiert. „Fee“, rief ich sanft, doch sie hörte nicht. Sie hatte etwas aufgenommen — eine Fährte, ein Ruf, ein Geheimnis.

Mit einem Satz war sie losgetrabt, zwischen den Bäumen hindurch, schneller, immer schneller. Ich folgte ihr, rief sie erneut, doch sie war wie verzaubert. Die Äste streiften meine Arme, der Waldboden wurde uneben, doch ich lief weiter, mein Herz klopfte nicht vor Sorge, sondern vor Neugier.

Dann blieb sie stehen. Vor einem Baum.

Aber nicht irgendeinem. Ein Baum wie aus einem Märchenbuch — uralt, mächtig, mit einer Rinde, die Geschichten trug. Moos umschmeichelte seinen Fuß wie ein grüner Schal, und aus seinem Stamm wuchs eine kleine Wildrose, deren Blüten zartrosa leuchteten. Die Luft war hier anders. Dichter. Wie ein Atemzug der Erde selbst.

Fee schnüffelte wild, umrundete den Baum, ihre Pfoten scharrten, und dann begann sie zu buddeln. Mit Hingabe, mit Eifer, mit einer Klarheit, die mich staunen ließ.

Die Erde flog zur Seite, dunkel und duftend. Und dann — ein Bau.

Ein kleiner Eingang, von Wurzeln umrahmt, als hätte der Baum selbst ihn beschützt. Der Geruch war stark: nach Tier, nach Wärme, nach Leben. Fee bellte leise, nicht laut, eher wie ein Flüstern.

Ich kniete mich zu ihr, legte meine Hand auf ihren Rücken. Sie war ganz ruhig jetzt, aber wach, gespannt. Der Bau lag offen vor uns, wie ein Tor zu etwas, das wir noch nicht kannten.

Und ich wusste: Dies war kein gewöhnlicher Morgen. Etwas hatte uns gerufen. Etwas wartete.

Und schon sah ich, dass sich etwas bewegte. Ganz vorsichtig, mit einem kaum hörbaren Rascheln, kroch eine Maus aus dem Rand des Hasenbaus. Sie war klein, aber nicht unscheinbar — im Gegenteil: Ich rieb mir die Augen, denn was ich sah, war so ungewöhnlich, dass selbst der Wald kurz innehielt.

Die Maus trug einen schweren, roten Umhang, der ihr bis zu den Pfoten reichte und bei jedem Schritt leicht hinter ihr herwehte. Darunter blitzte ein weißes Hemd hervor, fein geknöpft, dazu eine grüne Hose, die an den Seiten mit winzigen goldenen Stickereien verziert war. Und an ihren Füßen — tatsächlich! — trug sie kleine schwarze Stiefelchen, die bei jedem Schritt ein leises klack auf dem Wurzelboden erzeugten.

In ihrer Pfote hielt sie einen viel zu großen Stab, der aus dunklem Holz geschnitzt war und an dessen Spitze ein winziger Kristall glühte. Ich konnte nicht sagen, ob es ein Zauberstab war, ein Wanderstab oder ein Werkzeug aus einer Welt, die ich nicht kannte. Aber er wirkte bedeutend. Und irgendwie… lebendig.

Fee buddelte sich derweil immer tiefer in den Bau hinein, Erde flog durch die Luft, Wurzeln knackten, und ich schämte mich fremd. Die Maus warf einen genervten Blick in die Richtung meiner Hündin, schnaubte leise und murmelte: „Na was soll es…“

Ich zuckte zusammen. „Ich kann dich hören“, stammelte ich, mehr zu mir selbst als zu ihr.

Die Maus drehte sich zu mir, ihre Augen funkelten wie winzige Bernsteinperlen. „Natürlich kannst du das, wenn ich das möchte“, fauchte sie und fuchtelte mit dem Stab in der Luft herum, als wolle sie meine Zweifel vertreiben.

Ich war so abgelenkt von dieser seltsamen Begegnung, dass ich ganz vergaß, was Fee gerade tat. Als ich wieder hinsah, war sie verschwunden — ganz im Bau, kein Pfotenabdruck mehr zu sehen, nur ein dunkles Loch, das in die Erde führte.

Die Maus schaute mich an. Prüfend. Nachdenklich. Mit einem Blick, der mehr wusste, als ich je wissen konnte.

Sie tippelte nervös von links nach rechts, dann wieder zurück, dann im Kreis. „Ich kann dir schon helfen, du Menschenwesen“, sagte sie schließlich, „aber du musst mir versprechen, dass du nah bei mir bleibst und darauf achtest, was ich dir sage. Ansonsten könnten wir — durch deine liebe Hündin…“ Sie rollte die Augen so theatralisch, dass ich fast lachen musste. „…in Schwierigkeiten geraten.“

Ich schluckte. Die Maus griff in ihre Manteltasche. Ihre kleinen Pfoten suchten etwas, tasteten, zogen winzige Dinge hervor: eine goldene Nadel, ein zerknittertes Blatt, ein winziges Buch, das kaum größer war als ein Daumennagel.

Dann endlich — ein Fläschchen. Glas, milchig, mit einem glühenden Tropfen darin, der sich bewegte wie ein lebendiger Funke.

„Das brauchen wir“, sagte die Maus. „Und du brauchst Mut. Denn wo deine Hündin jetzt ist, da gelten andere Regeln.“

Ich wollte etwas sagen, doch die Maus hob den Stab. Ein leiser Ton vibrierte durch die Luft, wie ein Glockenschlag aus einer anderen Welt.

Und der Eingang zum Bau begann zu leuchten. Nicht grell. Sondern wie ein Versprechen.

„Du musst den Inhalt des Fläschchens trinken, dann wirst du klein, so wie ich, und wir können deine Fee suchen.“

Die Maus sagte es mit einer Mischung aus Ernst und Ungeduld, als hätte sie diesen Satz schon hundertmal zu ungeschickten Menschenwesen gesagt. Sie hielt das winzige Fläschchen hoch, und der glühende Tropfen darin pulsierte wie ein Herzschlag. Ein warmes, goldenes Licht fiel auf das kleine Mäusegesicht und ließ den roten Umhang schimmern, als bestünde er aus winzigen Rubinen.

Ich starrte das Fläschchen an. Es war kaum größer als meine Fingerkuppe des kleinen Fingers, doch es fühlte sich an, als hielte die Maus darin eine ganze Welt. Der Tropfen bewegte sich langsam, als wüsste er, dass er gleich gebraucht würde.

„Klein… so wie du?“, murmelte ich, mehr zu mir selbst als zu ihr.

Die Maus stemmte die Pfoten in die Hüften, ihr Umhang wehte dramatisch im Wind, obwohl es gar keinen Wind gab. „Ja, klein! Winzig! Handlich! Praktisch!“, fauchte sie. „Sonst kommst du niemals hinterher. Deine Fee trampelt wahrscheinlich schon durch die halbe Unterwelt und  reißt Gänge und Räume ein.*

Sie rollte die Augen so heftig, dass ich nun wirklich herzhaft lachen musste.

Doch dann wurde ihr Blick weich. Fast ein bisschen besorgt. „Hör zu, Menschenwesen…“, sagte sie leiser. „Ich weiß, das ist viel. Aber deine Hündin ist mutig. Und neugierig. Und manchmal… zu mutig.“ Sie seufzte. „Wenn wir sie finden wollen, musst du mir vertrauen.“

Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Der Eingang zum Bau glühte noch immer in diesem sanften, warmen Licht, das nicht von dieser Welt war. Fee war dort unten. Allein. Und ich wusste, dass ich ihr folgen würde — egal wie verrückt es klang.

Die Maus hielt mir das Fläschchen hin. Ihre Pfote zitterte ein wenig, als wäre ihr bewusst, wie groß dieser Moment war.

„Trink“, sagte sie. „Aber nur einen Tropfen. Mehr… wäre unklug.“

Ich nahm das Fläschchen vorsichtig entgegen. Es fühlte sich warm an, fast lebendig. Der Tropfen darin leuchtete heller, als würde er mich ansehen.

Ich atmete tief ein. Der Wald um mich herum schien still zu werden. Die Bäume hielten den Atem an. Selbst die Bienen schienen zu lauschen.

Dann öffnete ich das Fläschchen.

Der Duft, der mir entgegenstieg, war süß und fremd — wie Honig, der von Sternen gesammelt wurde, und ein Hauch von etwas, das ich nicht benennen konnte. Ich neigte das Fläschchen und ließ den Tropfen auf meine Zunge gleiten.

Er schmeckte nach Licht. Nach Sommer. Nach Mut.

Und dann begann die Welt um mich herum zu wachsen. Oder… ich begann zu schrumpfen.

Die Maus grinste zufrieden. „Na also“, sagte sie. „Jetzt können wir anfangen.“

Ich sah an mir herunter und musste blinzeln. Ich stand mitten in einem Berg aus Stoffen — meiner eigenen Kleidung, die nun wie riesige Zelte um mich herumlagen. Hosenbeine wie Höhleneingänge, Ärmel wie Tunnel, mein T‑Shirt ein weiches Gebirge aus Baumwolle.

„Ich bin übrigens Karlchen Mäuserich“, sagte die Maus mit einer feierlichen Verbeugung und streckte mir ihre winzige Pfote entgegen. Ich schüttelte sie vorsichtig, und die Pfote fühlte sich überraschend warm an, fast wie die Hand eines kleinen Kindes.

Dann wedelte Karlchen mit seinem viel zu großen Stab, und mit einem leisen Plopp erschien ein Mantel in seinen Pfoten. Er war kaum größer als ich selbst, schimmerte in Farben, die ich nicht benennen konnte — ein Hauch von Morgenrot, ein Streifen Mondlicht, ein Schimmer von Waldgrün, alles verwoben wie lebendige Seide.

„Bitte anziehen, deine Kleidung ist halt einfach etwas groß“, grinste Karlchen und schob mir den Mantel zu.

Dankbar nahm ich ihn entgegen. Er fühlte sich an wie ein warmer Sommerwind, federleicht und doch schützend, als würde er mich mit einem sanften Zauber umhüllen.

„Ich danke dir sehr“, stammelte ich und kletterte aus meinen Kleiderbergen, die nun wie vergessene Riesenlandschaften hinter mir lagen.

Karlchen nickte knapp, zog einen riesigen Wecker aus seiner Manteltasche — so groß wie er selbst — warf einen Blick darauf und stopfte ihn wieder hinein.

„Und wir müssen los“, sagte er mit einer Dringlichkeit, die keinen Widerspruch duldete.

Gemeinsam traten wir an den Rand des uralten Baumes. Der Eingang zum Bau wirkte nun wie ein Tor in eine andere Welt — dunkel, tief, aber vom warmen, goldenen Licht erfüllt, das mich seit dem Trank begleitete. Es schien aus mir selbst zu kommen, wie ein inneres Leuchten, das den Weg erhellte.

Ich setzte den ersten Schritt hinein. Der Boden war weich und feucht, und kaum hatte ich mein Gewicht verlagert, rutschte ich auf dem Schlamm aus und schlitterte ein Stück tiefer in den Bau. Karlchen huschte flink neben mir her, seine Stiefelchen klackten leise, und sein Umhang flatterte wie eine winzige rote Fahne.

„Nur nicht fallen“, murmelte er, „Menschenwesen sind so… unpraktisch gebaut.“

Das warme Licht blieb bei mir, schwebte wie ein sanfter Schein um meine Schultern und ließ mich erkennen, wo ich den nächsten Schritt setzen konnte. Die Wände des Baus waren von Wurzeln durchzogen, die wie Adern eines lebendigen Wesens wirkten. Manchmal glaubte ich, sie würden sich bewegen.

Karlchen blieb dicht an meiner Seite. Seine Ohren zuckten, sein Stab glühte schwach, als würde er die Dunkelheit prüfen.

Da — plötzlich — eine Stimme. Kratzig, tief, leicht genervt.

„Ha, du Tunichtgut, hab ich dich wieder beim Faulenzen getroffen?“

Ich fuhr herum. Das Licht flackerte. Karlchen erstarrte.

Aus dem Hintergrund, aus einem Seitentunnel, bewegte sich etwas. Etwas Kleines. Etwas Rundes. Etwas, das sich räusperte wie ein alter Lehrer, der zu viele Schüler gesehen hatte.

Karlchen seufzte schwer.

„Oh nein…“, murmelte er. „Nicht sie.Meine Frau…“, wisperte Karlchen, und kaum hatte er es ausgesprochen, kam sie auch schon um die Ecke.

Frau Maus war ein Anblick, der selbst in dieser seltsamen, zauberhaften Unterwelt noch einmal alles toppte: In der einen Pfote hielt sie einen Schneebesen, in der anderen wischte sie sich Mehl von der Schürze. Um ihren kleinen Körper war eine geblümte Küchenschürze gebunden, die aussah, als hätte sie sie selbst genäht. Und in ihrem Fell steckten tatsächlich winzige Lockenwickler — rosa, blau und gelb, wie kleine Bonbons.

„Ja, huch, Karlchen! Kannst du denn nicht Bescheid geben, wenn wir Besuch bekommen?“ Sie strich sich, sichtlich peinlich berührt, über ihr Haar — oder besser gesagt über die Lockenwickler — und glättete dann energisch ihre Schürze.

„Komm mit, mein Kind, trink etwas Kakao und iss ein paar Kekse. Ich bin übrigens Mimi.“ Sie nickte in Richtung Karlchen. „Seine Frau.“

Bevor ich überhaupt reagieren konnte, schob Karlchen mich sanft, aber bestimmt, hinter Mimi her. Wir folgten ihr durch einen schmalen Gang, der sich plötzlich öffnete — und ich blieb stehen.

Wir betraten… einen Raum. Einen richtigen Raum. Hier, tief unter einem uralten Baum, in einem Hasenbau, der eigentlich gar keiner mehr war.

Ein kleiner Tisch stand in der Mitte, gedeckt mit winzigen Tassen und Tellern, alles aus hellem Holz geschnitzt. Daneben Stühlchen, so fein gearbeitet, dass ich mich fragte, welcher Künstler sie wohl geschaffen hatte. Ein Kachelofen strahlte gemütliche Wärme aus, und im Herd daneben prasselte ein fröhliches Feuerchen, das den Raum in ein goldenes Licht tauchte.

Es roch nach Kakao, nach frisch gebackenen Keksen, nach Geborgenheit. Nach Zuhause — nur in klein.

Ich staunte. Immer wieder dachte ich: Das darf ich niemandem erzählen. Niemand würde mir glauben. Und doch fühlte sich alles so echt an, so selbstverständlich, als wäre ich schon immer Teil dieser Welt gewesen.

Doch dann schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. Ein Stich, warm und scharf zugleich.

Fee.

Wo war sie? Was tat sie? War sie in Gefahr? Oder hatte sie längst ein eigenes Abenteuer begonnen?

Mein Herz zog sich zusammen. Ich sah zu Karlchen, der mich aufmerksam beobachtete. Er wusste, was ich dachte — das sah ich in seinem Blick.

Und bevor ich etwas sagen konnte, hörte ich es. Ein fernes Geräusch.

 Ein dumpfes Poltern.

 Ein Kratzen.

 Ein Bellen.

Fee.

Entschuldigung, Frau Mimi, aber ich muss los… Sie hören ja, meine Hundedame!“ Ich stolperte rückwärts aus der kleinen Mäuseküche, während Mimi mir noch eine Tasse Kakao hinterherreichen wollte. Karlchen war bereits in Bewegung, sein roter Umhang flatterte wieder hinter ihm her.

„Wir kommen später nochmal wieder, Frau Mimi!“ rief ich, bevor wir in den nächsten Tunnel einbogen.

Die Gänge wurden enger, verwinkelter, und manchmal musste ich mich seitlich drehen, um hindurchzupassen. Die Wände waren warm und weich,ebenfalls durchzogen von Wurzeln, die wie die Säulen der Gänge wirkten. Hier und da glimmten kleine Pilze, die ein sanftes, bläuliches Licht verbreiteten — wie winzige Laternen, die uns den Weg wiesen.

Wir lauschten. Doch nichts. Nur das leise Tropfen von Wasser irgendwo in der Ferne.

„Fee…“, flüsterte ich, und mein Herz zog sich zusammen.

Dann — plötzlich —wieder ein Bellen. Und diesmal war es näher.

„Da lang!“, rief Karlchen, und wir rannten los, so schnell unsere kleinen Beine uns trugen.

Der Tunnel wurde breiter, der Boden vibrierte unter meinen Füßen. Ein tiefes, dumpfes Grollen erfüllte die Erde, als würde ein Riese unter uns schlafen und sich im Traum umdrehen.

Dann bebte der Boden. Nicht ein bisschen — richtig. Die Erde neben mir wölbte sich, als würde etwas Großes darunter entlangrasen.

„Was… was geschieht hier?“, keuchte ich.

Erdbrocken lösten sich aus der Wand, flogen durch die Luft, und ich riss instinktiv die Arme hoch, um meinen Kopf zu schützen. Staub wirbelte auf, Wurzeln knackten, der Boden vibrierte wie ein lebendiges Tier.

„Gustaaaaav! Gustav!“ rief Karlchen, seine Stimme hallte durch die engen Gänge wie ein kleiner Donner. „Mach ein wenig langsamer, du verscheuchst ja meinen Gast!“

Der große Erdbuddler blinzelte verwirrt, als hätte er gerade erst bemerkt, dass er nicht allein war. Seine Nase war voller Erde, seine Pfoten riesig im Vergleich zu unseren winzigen Körpern, und sein Fell war so staubig, dass es aussah, als hätte er sich in einem Mehlsack gewälzt.

„Oh… äh… entschuldigt“, brummte Gustav und scharrte verlegen mit einer Pfote. „Ich dachte, ich wäre allein im Schacht.“

Erneut das Gebelle von Fee. Sie kann wwirklich nicht mehr weit entfernt sein.

Karlchen spitzte die Ohren. Gustav hielt den Atem an. Ich fühlte, wie mein Herz schneller schlug.

„Das kommt von dort“, sagte Karlchen und zeigte mit seinem Stab auf einen schmalen Seitengang, der so dunkel war, dass selbst mein goldenes Licht kaum hineinreichte.

„Das ist das alte Wurzelgewirr“, murmelte Gustav. „Da verirrt man sich leicht. Und… da lebt so mancher, den man lieber nicht trifft.“

Ich schluckte. „Fee ist dort drin.“

Karlchen nickte entschlossen. „Dann gehen wir da rein.“

Er griff nach meiner Hand — seine Pfote war klein, aber erstaunlich fest — und zog mich mit sich. Gustav folgte uns, seine Schritte dumpf und schwer, aber vorsichtig, als wolle er diesmal keinen Tunnel zum Einsturz bringen.

Der Gang wurde enger. Die Wurzeln dichter. Manchmal musste ich mich ducken, manchmal seitlich drehen, manchmal über kleine Erdhügel klettern.

Das goldene Licht um mich herum flackerte, als würde es spüren, dass wir uns einem Ort näherten, der älter war als alles, was ich kannte.

Dann — ganz plötzlich — hörten wir es klar und deutlich.

Ein tiefes, warnendes Knurren. Ein Bellen, das nicht wütend klang, sondern… beschützend.

Fee.

Wir waren höchstens noch einen Gang entfernt.

Karlchen hob seinen Stab. Gustav spannte die Schultern. Ich atmete ein.

Und dann bogen wir um die nächste Wurzel.

Ich erschrak, und auch Gustav und Karlchen sahen alles andere als erfreut aus. Vor uns stand Fee — meine tapfere, kleine Fee — und gebärdete sich wie ein wilder Stier. Sie schnaubte, die Lefzen leicht erhoben, und ihre Rückenhaare standen so steil, dass sie aussah wie eine kleine, braune Bürste auf vier Pfoten. Ihr Körper war angespannt, jeder Muskel bereit, sich zwischen das Dunkel der Höhle und das, was sie beschützen wollte, zu werfen.

Und dann sah ich ihn.

Den Dachs.

Riesig. Breit wie ein Felsblock. Sein Fell war schwarz-weiß gestreift, aber nicht weich — eher wie alte, zerzauste Borsten. Seine Augen funkelten gierig, und seine Krallen gruben sich ungeduldig in die Erde, als könnte er es kaum erwarten, weiter vorzurücken.

Wir überlegten kurz, wie wir Fee helfen konnten, doch Karlchen war schneller und schon auf dem Weg.

Mit erstaunlicher Tapferkeit stellte er sich zwischen Fee und den Dachs, hob seinen Stab und rief: „Okra! Guten Tag, alter Knabe. Was ist denn nur hier los?“

Okra schnaufte, als hätte er keine Zeit für Höflichkeiten. Er warf Karlchen einen kurzen, genervten Blick zu und brummte: „Dieses Ding da…“ Seine schwere Pfote deutete auf Fee. „…möchte mir verbieten, an ein wunderbares Mittagessen zu kommen. Mhm… kleine Hasenbabys. Ich wollte sie nur noch ein wenig gedeihen lassen und nun sieh!“

Karlchen blinzelte, sah sich kurz um und rief dann: „Nic, komm her zu mir. Das ist Okra.“

Langsam krabbelte ich aus meiner Schockstarre hervor. Mein Herz klopfte, aber ich stellte mich selbstsicher neben Karlchen, hob mein Kinn und sagte: „Hallo. Und diese kleine braune Hündin heißt Fee. Ich gehe nun mal schauen, was sie da bewacht.“

Fee wich nicht von meiner Seite, doch sie ließ mich passieren. Ihre Augen sagten alles: Schau dir an was ich bewache und du wirst mir zustimmen.

Ich kroch an ihr vorbei in den kleinen Höhleneingang. Der Gang war eng, warm und roch nach Erde, Wurzeln und… Leben.

Und dann sah ich sie.

Vier kleine Feldhasen. Winzig. Kaum größer als meine geschrumpfte Hand. Ihre Ohren lagen eng am Kopf, ihre kleinen Körper hoben und senkten sich im Rhythmus ihres Schlafes. Sie lagen eng aneinander gekuschelt, ein weiches, zitterndes Bündel aus Fell und Unschuld.

Ein leises, warmes Gefühl breitete sich in mir aus. Fee hatte sie beschützt. Ganz instinktiv. Ganz selbstverständlich.

Ich drehte mich um, sah zu Karlchen und Okra hinaus und flüsterte: „Es sind Babys. Vier kleine Feldhasen.“

Okra schnaubte. „Ja. Mein Mittagessen.“

Fee knurrte tief. Karlchen hob warnend seinen Stab.

Und ich wusste: Jetzt musste ich etwas sagen. Etwas, das diesen Moment verändern würde.

Ich ging hinaus und stellte mich vor Okra, so nah, dass ich seinen warmen, erdigen Atem spüren konnte. Mein Herz klopfte, aber meine Stimme war fest.

„Dann hast du diesmal Pech, denn auch ich werde die vier beschützen. Du solltest dir ein anderes Mittagsessen suchen. Und außerdem solltest du schleunigst diesen Ort verlassen — Mama Feldhase möchte zu ihren Kindern zurück, aber hier ist es viel zu laut und unruhig.“

Okra blinzelte. Einmal. Langsam. Sein Blick wanderte von mir zu Fee, die immer noch wie eine kleine Löwin vor der Höhle stand, und dann zu Karlchen.

„So ist es gesprochen.“

Karlchens Stimme war ruhig, aber sie trug etwas in sich… etwas Altes. Etwas, das vibrierte wie ein unsichtbarer Klang.

Sein Stab begann zu leuchten. Nicht grell — sondern warm, golden, wie das Licht, das mich seit dem Trank begleitete. Dann klopfte der Stab dreimal auf den Boden.

Klack. Klack. Klack.

Doch es war nicht Karlchen, der klopfte. Der Stab tat es selbst.

Ein Schauer ging durch die Erde. Die Wurzeln ringsum zitterten leicht, als würden sie den Klang erkennen. Fee verstummte und setzte sich, als hätte sie verstanden, dass etwas Bedeutendes geschah.

Okra jaulte auf — nicht vor Schmerz, sondern vor… Erschrecken. Vor Scham. Vor Respekt.

Er senkte den Kopf. Seine Schultern sackten ein wenig nach unten, und dann geschah etwas, das ich nie erwartet hätte:

Der Dachs verneigte sich. Vor Karlchen.

Nicht tief, aber eindeutig. Ein Nicken, ein Anerkennen, ein Eingeständnis.

Als wäre Karlchen nicht irgendeine Maus. Sondern eine ganz besondere.

Gustav räusperte sich leise. Fee entspannte sich ein wenig, ihre Rückenhaare legten sich langsam wieder an. Und ich… ich sah Karlchen an.

Sein kleiner Körper. Sein roter Umhang. Sein viel zu großer Stab.

Und plötzlich wirkte er nicht mehr klein. Nicht mehr niedlich. Sondern… bedeutend.

Okra wich einen Schritt zurück. Dann noch einen. Er murmelte etwas wie „War ja nur ein Vorschlag…“ und trottete rückwärts in einen Seitentunnel, der groß genug war, um ihn aufzunehmen.

Als er verschwunden war, wurde es still.

 Und Fee, die sich jetzt vorsichtig zu mir drückte, als wolle sie sagen: Ich hab’s versucht. Ich hab sie beschützt.

Karlchen drehte sich zu mir. Seine Augen funkelten.

„Du hast gut gesprochen, Nic“, sagte er. „Aber…“ Er hob den Stab ein wenig. „…du fragst dich sicher, warum Okra mir gehorcht.“

Ich nickte. Mein Herz schlug schneller.

Karlchen lächelte. Ein kleines, wissendes Lächeln.

„Wir lassen die Babys, wo sie sind. Die Mama wird kommen, wenn wir ganz leise sind“, sagte Karlchen mit einer Stimme, die plötzlich so weich war wie Moos. „Gustav, würdest du bitte warten und ihr kurz berichten, was sich zugetragen hat? Du findest doch hier sicher ein wenig zu buddeln.“

Gustav nickte, sein großer Kopf wippte dabei wie ein Felsblock. „Das werde ich tun.“ Er scharrte schon mit den Pfoten, als könnte er es kaum erwarten, sich wieder in die Erde zu wühlen.

„Und wir drei machen, dass wir schleunigst zu Mimi kommen.“ Karlchen klopfte sich die Erde vom Umhang. „Sicher hat sie ein Huhn gekocht, damit auch Fee satt wird. Und ich werde dir dort erzählen, was immer du wissen möchtest.“

Ich lachte leise. „Das wird eine Menge sein. Da reicht ein Tag niemals aus.“

Dann wandte ich mich zu Fee. Sie stand noch immer stolz vor der Höhle, aber ihre Augen waren weich geworden, und ihr Schwanz wedelte leicht.

„Auf geht’s, Mädchen. Du hast eine Belohnung verdient, mein Schatz — auch wenn du wirklich ein kleiner Jagdhund bist.“

Fee stupste meine Hand, als hätte sie jedes Wort verstanden.

Und so machten wir uns auf den Rückweg. Karlchen lief voraus, flink wie ein Funke. Fee und ich kletterten hinterher, durch die engen Gänge, vorbei an glimmenden Pilzen, warmen Wurzeln und kleinen Seitentunneln, aus denen es nach Erde und Abenteuer roch.

Je näher wir Mimi kamen, desto wärmer wurde die Luft. Ein vertrauter Duft breitete sich aus — kräftig, würzig, einladend.

Hühnersuppe.

Als wir die kleine Küche betraten, stand Mimi bereits am Herd. Ihr Schneebesen lag ordentlich beiseite, die Lockenwickler waren verschwunden, und ihre Schürze war frisch geglättet.

„Da seid ihr ja, meine Lieben!“ rief sie und stellte Fee sofort ein Schälchen mit Fleisch und Wasser hin. Fee stürzte sich darauf, als hätte sie seit Tagen nichts gefressen.

Für Karlchen und mich stellte Mimi zwei dampfende Schalen Suppe auf den Tisch. Der Duft war so köstlich, dass mir das Herz warm wurde.

„Esst, damit ihr was werdet“, schmunzelte sie leise und setzte sich zu uns.

Ich nahm den ersten Löffel. Die Suppe schmeckte nach Zuhause. Nach Wärme. Nach Geschichten, die noch erzählt werden wollten.

Karlchen sah mich über den Rand seiner Schale hinweg an. Seine Augen funkelten.

„Bist du bereit?“, fragte er.

Ich nickte.

„Dann erzähle ich dir jetzt, begann er, „wer ich wirklich bin.“

„Ich bin der König, wenn man es so nennen kann, dieser kleinen wunderbaren Welt.“ Karlchens Stimme war ruhig, aber sie trug einen Hauch von etwas Altem, etwas Würdevollem in sich. „Das ist so, weil meine Familie und ich am längsten hier leben und somit diesen Stab haben. Dieser Stab verleiht mir eine gewisse Macht, die ich aber seltenst nutze. Aber er hat dich klein gezaubert… und er hat mich überhaupt zu dir geführt. Ich kann es dir nicht genau erklären, weil es eine Art Zauber und Magie ist.“

Er sah mich an, als wolle er prüfen, ob ich ihm glaubte. Doch wie hätte ich zweifeln können? Nach all dem, was ich gesehen hatte?

Karlchen schob mich sanft in einen weiteren Raum, und als ich die Schwelle überschritt, blieb mir der Atem stehen.

Der Raum war… ein Wohnzimmer. Ein richtiges, gemütliches, warmes Wohnzimmer — nur eben in Mäusegröße.

Ein riesiger Ohrensessel stand an der Wand, so groß, dass Karlchen darin fast verschwand. Auf dem kleinen Tisch davor lag eine Pfeife in einem winzigen Aschenbecher, aus der ein zarter Rauchfaden stieg. Der Duft war überraschend angenehm — nach Kräutern, Wald und einem Hauch von Honig.

„Eindeutig Karlchens Platz“, dachte ich.

Gegenüber stand eine kleine Couch, weich gepolstert, und darauf ein Korb voller Strickzeug. Die Wolle war in zarten Farben gehalten — Rosé, Moosgrün, Himmelblau — und ich wusste sofort: Das war Mimis Platz.

In der Ecke stand eine Stehlampe, deren Schirm aus getrockneten Blütenblättern gefertigt war. Sie warf ein warmes, goldenes Licht in den Raum, das alles noch heimeliger machte.

Und dann sah ich die Wände.

Holzregale. Überall Holzregale. Vollgestopft mit Büchern, Schriftrollen, kleinen Kisten, Gläsern mit seltsamen Dingen darin, winzigen Werkzeugen, Karten, Federn, getrockneten Kräutern und Dingen, die ich nicht einmal benennen konnte.

Ich staunte mit offenem Mund. Es war, als hätte jemand die ganze Welt in Miniatur gesammelt.

Auf dem Boden lagen dicke Teppiche, handgewebt, bunt, weich. Und an den Wänden hingen Bilder — kleine Gemälde von Mäusen. Mäuse mit Umhängen. Mäuse mit Werkzeugen. Mäuse mit anderen Mäusen im Arm.

Mäuse… wie Karlchen.

Er setzte sich mit einem tiefen, zufriedenen Seufzer in seinen Ohrensessel. Der Stab lehnte an der Armlehne, und als er seine Pfeife anzündete, glomm der Kristall an der Spitze des Stabs kurz auf — als würde er mitatmen.

„Setz dich, Nic“, sagte Karlchen und deutete auf einen kleinen Hocker, der wie aus dem Nichts neben mir stand. Fee legte sich zu meinen Füßen, satt, zufrieden und doch wachsam. Ihre Augen ruhten auf Karlchen, als wüsste sie, dass gleich etwas Wichtiges gesagt würde.

Ich setzte mich. Mein Herz klopfte. Der Raum war still, warm, voller Geschichten.

Karlchen nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife. Der Rauch kringelte sich wie kleine silberne Schlangen zur Decke.

Dann sah er mich an.

„Alles begann vor vielen, vielen Jahren…“

 

Karlchen erzählte lange. Von alten Geschichten, die so alt waren wie die Wurzeln des großen Baumes über uns. Von Zeiten, in denen Frieden herrschte, und von Zeiten, in denen Feinde kamen — Füchse, Marder, Eulen… und ja, auch Menschen. Nicht aus Bosheit, wie er betonte, sondern aus Unwissenheit. Aus dem Nicht-Sehen-Können der kleinen Welt, die unter ihren Füßen existierte.

Seine Stimme war ruhig, aber sie trug eine Schwere, die ich bisher nicht an ihm bemerkt hatte. Die Schatten an den Wänden bewegten sich, als würden sie die Geschichten mitspielen.

Dann sah er mich an. Direkt. Mit einem Blick, der so ernst war, dass ich unwillkürlich den Atem anhielt.

„Nic… ich muss dich um etwas bitten. Bitte behalte alles, was du hier gesehen hast, für dich. Nur so können wir uns wiedersehen. Nur so bleibt unsere Welt geschützt. Und nur so kann ich dir weitere Geschichten erzählen — Geschichten, die du sonst nirgends hören würdest.“

Ich schluckte. Nicht aus Angst — sondern aus Ehrfurcht. Denn plötzlich wurde mir bewusst, wie groß dieses Vertrauen war, das er mir schenkte.

Und gleichzeitig erschrak ich. Denn ich hatte mein normales Leben oberhalb des wunderschönen Baues völlig vergessen. Die Welt da draußen — mein Alltag, meine Aufgaben, meine Zeit — war für einen Moment verschwunden gewesen, als hätte der Wald mich sanft in eine andere Wirklichkeit getragen.

Ich atmete tief ein. Und dann versprach ich es.

„Ich werde niemals über unser Geheimnis reden. Niemals. Und ich freue mich… so sehr… dass ich wiederkommen darf.“

Karlchen nickte. Langsam. Zufrieden. Und ein kleines, warmes Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Dann bist du jetzt eine Freundin des Baues, Nic. Und Freunde… sind hier selten. Aber sehr, sehr wichtig.“

Fee hob den Kopf, als hätte sie verstanden, und stupste meine Hand.

Und in diesem Moment wusste ich: Ich würde zurückkehren. Immer wieder. Solange der Wald mich rief. Solange Karlchen Geschichten hatte. Solange Fee den Weg fand.

Nun, Euch kann ich das erzählen — denn Ihr würdet den Baum niemals finden. Nicht, weil er versteckt wäre, sondern weil er sich nur jenen zeigt, die mit dem Herzen sehen. Und mittlerweile ist es schon einige Monate her, seit ich das erste Mal bei Karlchen war. Seit ich durch die Wurzeln gekrochen bin, durch warme Tunnel, durch Geschichten, die älter sind als jeder Waldpfad.

Manchmal, wenn Fee und ich im Morgengrauen spazieren gehen, liegt ein Hauch von Magie in der Luft. Der Wald ist dann noch still, als würde er sich strecken und gähnen, bevor der Tag beginnt. Der Tau glitzert auf den Gräsern wie winzige Kristalle, und die Sonne schiebt sich langsam zwischen den Bäumen hervor, so vorsichtig, als wolle sie niemanden wecken.

Und dann sehe ich sie.

Mutter Hase. Mit ihren vier kleinen Kindern, die inzwischen schon viel größer geworden sind. Sie hoppeln über den Weg, bleiben kurz stehen, schnuppern in unsere Richtung — und ich bilde mir ein, dass Mutter Hase mir manchmal zunickt. So, als wüsste sie, dass ich damals dort unten war. Dass ich sie beschützt habe. Dass Fee ihr Leben verteidigt hat.

Fee steht dann ganz ruhig neben mir. Ihr Schwanz wedelt leicht, aber sie bleibt brav sitzen, stolz, wachsam, zufrieden. Ich schaue sie an — meine kleine Heldin — und mein Herz wird warm.

„Gut gemacht, Mädchen“, flüstere ich dann. Und Fee hebt den Kopf, als würde sie sagen: Natürlich. Das war doch selbstverständlich.

Und jedes Mal, wenn wir die Hasenfamilie sehen, weiß ich: Der Bau ist noch da. Karlchen ist noch da. Mimi kocht vielleicht gerade Suppe. Gustav buddelt irgendwo einen neuen Tunnel. Und tief unter unseren Füßen lebt eine Welt weiter, die nur darauf wartet, dass ich eines Tages wieder anklopfe.

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